Gerechtigkeit für die wahren LeistungsträgerInnen


Gerechtigkeit für die wahren LeistungsträgerInnen
 

Sybille Pirklbauer

 

Die Krise hat gezeigt, wer die wahren Leistungs­träger­Innen sind: Pflege­kräfte und Kranken­haus­per­so­nal, Pä­da­go­gInnen und Han­dels­an­ge­stell­te, Last­wagen­fahrer­Innen und Zu­stel­ler­Innen – sie alle und noch viele mehr haben das Land in der Krise auf­recht­er­halten. Oft sind es Mi­grant­Innen und noch öfter Frauen. Die Be­zahlung und die Ar­beits­be­din­gungen ent­sprechen der Be­deu­tung ihrer Ar­beit aller­dings kaum, wie eine Aus­wertung des Arbeits­klima­index der AK OÖ von SORA zeigt.

Sie ernten unsere Lebens­mittel, brin­gen sie in die Super­märkte und sor­gen dafür, dass wir dort auch in der Krise die Dinge des täg­li­chen Be­darfs kau­fen kön­nen. Sie brin­gen unsere Be­stel­lungen zu uns nach Hause, sor­gen für Hy­giene und Sau­ber­keit, be­treuen unsere Kin­der und küm­mern sich um die alten und kran­ken Men­schen. Rund eine Mil­lion Men­schen ar­bei­tet in Be­ru­fen, die sich in der Kri­se als „system­rele­vant“, also schlicht als un­ver­zicht­bar, ge­zeigt haben.

Es sind ganz über­wiegend Frauen, die diese wich­ti­gen Ar­bei­ten machen. In acht von elf Be­ru­fen stellen sie die Mehr­heit. Die Hel­den des All­tags sind zu­meist Hel­dinnen.

Leistung sollte sich lohnen – die Wirklichkeit schaut anders aus

Kaum jemand wird wider­spre­chen, dass sich der Wert von Ar­beit im Lohn der Men­schen wider­spie­geln sollte. Doch während ein ATX-Vor­stand durc­h­schnitt­lich mehr als 2 Mio. Euro im Jahr er­hält, muss sich der/die durchschnitt­liche Be­schäf­tigte mit nicht ein­mal 2 Pro­zent (!) da­von be­gnü­gen, wie die AK-Aus­wer­tung für 2019 zeigt. Die Ver­dienste in den sys­tem­rele­van­ten Be­rufen err­eichen aber oft nicht ein­mal das Durch­schnitts­ein­kommen.

Dort, wo der Frauen­anteil be­son­ders hoch ist, sind die Löhne be­son­ders nied­ig – zum Teil unter 1.500 Euro netto pro Mo­nat. Mit sol­chen Ein­kommen ist es schwierig, die all­täg­lichen Aus­gaben halb­wegs ab­zu­decken. Das be­trifft Beschäf­tigte mit Mi­gra­tions­hinter­grund be­son­ders. So sagen etwa drei Vier­tel der im Ein­zel­handel be­schäf­tigten Mi­gran­tInnen, das Ein­kommen reiche nur knapp oder gar nicht aus.

 

Die Kosten der Krise dürfen keines­falls auf die ab­ge­wälzt wer­den, deren Ar­beit sich als so wert­voll er­wie­sen hat. Kon­zer­ne, Mil­lionär­Innen und Mil­liar­där­innen müs­sen endl­ich einen fairen Bei­trag zur Ge­mein­schaft leis­ten! Nur dann sind auch an­ge­messene Ge­häl­ter im öffent­lichen Be­reich, also etwa bei Ge­sund­heit, Bil­dung, Kin­der­be­treu­ung, öffent­lichem Ver­kehr oder Müll­ent­sor­gung, mög­lich.

Die Beschäftigten haben sich frag­los zu­min­dest 1.700 Euro Min­dest­lohn ver­dient, wie die Ge­werk­schaft for­dert. Ein Mehr­ar­beits­zu­schlag von 50 Pro­zent ab der ersten Stunde würde vielen dieser in Teil­zeit Be­schäf­tigten zu einem hö­heren Ein­kom­men ver­hel­fen. Und mit der vollen Lohn­trans­pa­renz im Be­trieb könnte Lohn­dis­kri­mi­nie­rung end­lich be­sei­tigt wer­den.

Arbeiten bis zum Umfallen?

Regale einschlichten bis in die spä­ten Nacht­stun­den, mehrere 12- und noch mehr Stun­den-Tage hinter­ein­ander in Kran­ken­häu­sern, Rund-um-die-Uhr-Be­trieb bei Liefer­diens­ten – die Krise hat für die Men­schen in den un­ver­zicht­baren Be­ru­fen das Ge­gen­teil von Ent­schleu­ni­gung ge­bracht.

Doch fordernde Arbeits­zeiten sind für viele auch ab­seits der Krise All­tag. Für die meis­ten Handels­an­ge­stellten ge­hört der Sams­tag zur Ar­beits­woche. Pflege­be­diens­tete, Ärzte und Ärzt­innen und Be­schäf­tigte der öffent­li­chen Sicher­heit müssen mehr­heit­lich auch sonn­tags oder nachts ihren Dienst ver­richten. Acht von zehn Be­schäf­tig­ten in der öffent­li­chen Sicher­heit und in Liefer­diens­ten müs­sen zu­min­dest ge­legent­lich Über­stun­den machen, sie­ben von zehn in Ge­sund­heit und Pfle­ge und fast eben­so viele Handels­an­ge­stellte.

Zahlreiche Studien wie die der MedUni Wien zeigen, dass diese über­lan­gen Ar­beits­zei­ten und die fehlen­de Er­ho­lung zu einer ho­hen ge­sund­heit­lichen Ge­fähr­dung füh­ren. Mit der 60-Stun­den-Wo­che gab es zu­dem ar­beits­recht­lich einen rie­si­gen Rück­schritt. Kein Wun­der also, dass sich nur sechs von zehn Ar­beit­nehmeri­nnen vor­stel­len kön­nen, im aktu­ellen Be­ruf bis zum Pensions­alter durch­zu­halten.

Planbare Arbeits­zeiten und eine gesunde Voll­zeit

Dabei spricht alles für kürzere Arbeits­zeiten. Denn während die einen bis zum Um­fallen ar­bei­ten, ver­zeich­nen wir die höchs­te Ar­beits­losig­keit der Zwei­ten Re­pu­blik. Eine spür­bare Ar­beits­zeit­ver­kür­zung wäre eine wirk­same Maß­nahme zur bes­seren Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit und Be­kämpfung von Ar­beits­losig­keit.

Die Krise hat außerdem ge­zeigt, dass Ar­beits­zeit­re­ser­ven als Kapa­zi­täts­puf­fer ge­rade in den sys­tem­rele­van­ten Be­rei­chen not­wen­dig sind, um Aus­nahme­si­tua­tionen ab­zu­federn. Denn was nützt das x-te In­ten­siv­bett, wenn es kein Per­so­nal gibt, um die kran­ken Men­schen dort zu be­treu­en? Apro­pos Ge­sund­heit: Kür­zere Ar­beits­zei­ten ma­chen ge­sünder, re­du­zieren so Kos­ten im Ge­sund­heits­sys­tem und er­mög­lichen den Men­schen, bis zum Pen­sions­al­ter er­werbs­tätig zu sein.

Dass weniger Arbeits­stunden auch höhere Pro­duk­tivi­tät, weniger Fehler­an­fällig­keit und eine bes­sere Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf be­deu­ten, sei auch noch er­wähnt.

Es ist daher dringend ange­zeigt, die Er­fah­rungen mit der Kurz­ar­beit für die Ver­kür­zung der Ar­beits­zeit zu nüt­zen, mit dem Ziel einer neu­en, ge­sun­den Voll­zeit mit maxi­mal 35 Stun­den. Doch nicht nur die Menge der Ar­beits­zeit, auch die kon­kre­ten Dienst­pläne müs­sen bes­ser ge­regelt wer­den; vor allem: Sie müs­sen hal­ten und dür­fen nicht stän­dig ge­än­dert wer­den. Da­für braucht es auch aus­rei­chend Per­so­nal. Ge­teilte Diens­te, wie sie in der Pfle­ge und der Rei­ni­gung üb­lich sind, sind be­las­tend und müs­sen so weit wie mög­lich eli­mi­niert wer­den.

Faire Arbeitsbedingungen

Ihre Arbeit ist für uns alle wichtig, aber ihre Ar­beits­be­din­gungen sind oft keines­wegs sicher: Viele Leistungs­träger­Innen ha­ben atypi­sche Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nisse. Am stärk­sten be­trof­fen von po­ten­ziell pre­kären Ar­beits­ver­trägen sind Reini­gungs­kräfte mit 14 Pro­zent, näm­lich gering­fü­giger Be­schäf­tigung und 8 Pro­zent Leih­ar­beit. Auch Be­schäf­tigte in der Alten­pfle­ge und Be­hinder­ten­be­treuung sowie im Einzel­handel sind häu­figer gering­fügig, be­fris­tet oder als Leih­ar­beiterin be­schäf­tigt. Bei Ernte­helfer*innen wer­den die ohne­hin schon schlech­ten Ar­beits­be­din­gungen oft gar nicht ein­ge­halten.

Die geringfügig Beschäf­tigten – zwei Drit­tel davon sind Frauen – haben in der Krise oft als Erste ihren Job ver­loren, allein zwi­schen Feb­ru­ar und April waren es 22 Pro­zent. Sie er­halten je­doch keine Unter­stützung aus dem Fa­milien­härte­fonds. Das muss drin­gend ge­ändert wer­den.

Auch Leiharbeiterinnen sind vom Job­ab­bau am schnell­sten be­troffen und stre­ben da­her meist eine Über­nahme in die Stamm­be­leg­schaft an, wo­rauf sie je­doch oft jahre­lang war­ten müs­sen. Hier braucht es eine Fest­legung, dass sie ver­bind­lich ein An­gebot zur Über­nahme nach einer be­stimmten Be­schäfti­gungs­dauer be­kommen. Zu­dem sind in atypi­schen Ar­beits­ver­hält­nissen die Chan­cen auf be­ruf­liche Weiter­bil­dung und Auf­stiegs­mög­lich­keiten deut­lich schlech­ter. Ein Recht auf eine Wo­che be­zahlte Weiter­bil­dung im Jahr würde hier für deut­liche Ver­bes­serung sor­gen.

MigrantInnen = LeistungsträgerInnen 

Die 24-Stunden-BetreuerInnen wurden so­gar ex­tra ein­ge­flogen, so drin­gend wur­den sie ge­braucht. Da­bei han­delt es sich fast aus­schließ­lich um Frauen, und kaum eine Be­treuerin kommt aus Öster­reich. Auch viele andere system­rele­van­te Be­rei­che sind auf den Ein­satz von Frauen und Männern an­ge­wiesen, die nicht aus Öster­reich stam­men: Es sind 56 Pro­zent aller Rei­ni­gungs­kräf­te und 22 Pro­zent aller Kassa­kräf­te und Regal­be­treuerI­nnen, aber auch vie­le Be­schäf­tigte im Bau, im Trans­port­we­sen und in der Land­wirt­schaft. Ohne Mi­grant­Innen würde Öster­reich still­stehen.

Diese Leistungsträger­Innen dürfen zwar ihre Ar­beits­kraft hier­zu­lande zur Ver­fü­gung stel­len, wesent­liche Rech­te wer­den ihnen aber vor­ent­halten, und der Weg zur Staats­bürger­schaft wird un­nötig schwer ge­macht. Das muss ge­än­dert wer­den: Es muss nach sechs Jahren den Zu­gang zur Staats­bürger­schaft geben und eine auto­ma­tische Staats­bür­ger­schaft für in Öster­reich ge­borene Kin­der. Auch die Kos­ten dürfen keine Hürde dar­stellen.

Die Indexierung der Familien­bei­hilfe ist klar europa­rechts­widrig, auch beim Kinder­be­treuungs­geld tref­fen Mi­grant­Innen auf viele Hür­den. Wer hier ar­beitet und Steu­ern zahlt, muss aber das Recht auf die glei­chen Fa­milien­leis­tungen haben wie alle Be­schäf­tig­ten.

Was sonst noch wichtig ist

Es gäbe eine Menge spezi­fi­scher For­de­rungen, die man zu­sätz­lich zu den be­reits ge­nann­ten an dieser Stel­le an­führen könnte. Um den Ra­hmen nicht zu spren­gen, seien hier nur noch drei zen­tra­le an­ge­führt:

  • Ausreichend Personal: Nur wenn die Arbeit auf genug Men­schen ver­teilt wird, wird ver­hin­dert, dass Ar­beits­druck oder Ar­beits­stun­den aus­ufern und Dienst­pläne stän­dig über den Hau­fen ge­wor­fen wer­den. Noch wich­ti­ger: Nur so kön­nen die Be­schäf­tig­ten ihre Ar­beit auf Dauer be­dacht­sam, kon­zen­triert und weit­ge­hend fehler­frei machen. Das gilt übri­gens auch für Mit­arbeiter­Innen des AMS.
  • Flächendeckende Kollektivverträge für alle Branchen: Wie das Beispiel Ryanair bzw. LaudaMotion zeigt, ist der Aus­beu­tung Tür und Tor ge­öffnet, wenn Ein­zel­be­triebe, die das Dumping von Löhnen sowie Um­welt- und Sozial­stan­dards zum Ge­schäfts­mo­dell ge­macht haben, Kol­lektiv­ver­träge ver­handeln können.
  • Die besten Rechte helfen nichts, wenn sie nicht ein­ge­hal­ten werden: Ar­beits­in­spek­tion, auch die Land­wirt­schafts­inspek­tion und die Finanz­poli­zei müs­sen genug Per­sonal be­kommen, um die Ein­hal­tung der Lohn- und Ar­beits­be­din­gungen kon­trol­lieren zu können. Und der Ver­ein UNDOK als Stelle für den Kampf gegen Men­schen­han­del und un­doku­men­tierte Ar­beit braucht fi­nan­zielle Ab­sicherung. Das ist auch eine euro­pa­recht­liche Ver­pflich­tung.

Das sind viele Heraus­forderungen, denen sich nicht nur die Ge­werk­schaften und Ar­beiter­kammern, son­dern die Ge­sell­schaft als Gan­zes stel­len muss. Denn Applaus von den Bal­konen ist schön, aber Klat­schen reicht nicht. Die wahren Leis­tungs­träger­Innen ver­dienen end­lich Ge­rech­tig­keit.

Posted by Allé Wilfried Sunday, May 31, 2020 10:04:00 PM Categories: Frauen Katastrophenhilfe Soziales
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